Freds Erinnerungen,Teil2


Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend
in der Nachkriegszei 1948 -1961 in Köln

Esdauerte eine Weile bis ich endlich einschlief,denn die Ereignisseder letzten 2 Tage schwirrten in meinem Kopf für einige Zeitherum. Der Morgen konnte nicht schnell genug kommen,denn ich wollte doch gleich hinunter auf die Straße und dieKinder der Kretzerstraße kennenlernen. Aber meine Muttermußte mich entäuschen, denn sie meinte, es istwichtiger, uns Kinder an einer Schule anzumelden.Für mein Bruder und ich war die nähreste Schule in Köln-RiehlGarthe Straße, gleich gegenüber der Schule ist dieEngelbert Kirche, die auch als "Zitronenpresser" bekanntwar.


Schulhof Garthestraße

Engelbertkirche

An diesem Tage, ich glaube, es war ein Freitag, kamenwir erst spät am Nachmittag nach Hause und mir war es auchnicht mehr erlaubt, auf der Straße spielen zu gehen. Dochmeine Mutter versprach mir,"morgen früh kannst du spielengehen". Dann sagte sie mir etwas, das ich damals als7-jähriger nicht verstehen konnte: "Sei sehr vorsichtig,wenn du auf die Straße gehst und mit Kindern spielst, dennwir sind Flüchtlinge und manche Leute hier mögen keineFlüchtlinge. Natürlich konnte ich das damals nichtverstehen und so lief ich am nächsten morgen unbesorgt aufdie Straße.

Wieich schon voher sagte, ist die Kretzerstraße nur eine kleineSackgasse, doch gab es hier sehr viele Kinder. So dauerte esnicht sehr lange bis ich Kontakt mit einigen Jungen undMädchen aus unserer Straße bekam. Leider wurde dieskein schönes Ereigniss für mich, denn die Kindersagten, daß niemand mit mir spielen dürfe, da ich ein"Pimmock" sei und daß ihre Eltern es Ihnen nicht erlaubthatten, mit "Pimmocken" zu spielen. Ganz enttäuscht ging ichdann in die Xantener Straße Richtung AmsterdamerStraße. Ein wenig weiter kam ich zur Klevelerer Straße,die auch eine Sackgasse wie die Kretzerstraßeist.

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Ich,meine kleineSchwester
Angelika und mein Bruder Georg

Flora1960

Doch hier war die ganze Straße eingroßer Trümmerhaufen. Kein einziges Haus stand hiermehr, nur in der Mitte der Straße waren die Trümmerweggeräumt. So entschied ich mich, mir diese Straße einwenig genauer anzusehen. Was mir hier besonders auffiel, warendie dünnen Kaminrohre, die aus den Trümmernragten. Aus einigen Kaminrohren rauchte es sogar. Nun lief ichgleich auf einen Schutthaufen, um herauszufinden, was unter denTrümmerhaufen zu finden war. Zu meinem großen Erstaunensah ich, daß ganze Familien unter den Schutthaufen wohnten.Das überraschte mich sehr und ganz plötzlich konnte ichein bißchen besser verstehen, warum manche Kölner unsFlüchtlinge nicht haben wollten. Hier, unter Schutt undAsche, wohnten Menschen, die sehr wahrscheinlich hier inKöln geboren waren und unter den Trümmern wohnenmußten. Doch meine Familie und ich kamen alsFlüchtlinge aus Danzig und uns wurde gleich einePrivatwohnung angeboten.

OberlandesgerichtKöln am Reichenspergerplatz 1948

Danach ging ich gleich nach Hause. Zu Hauseerwähnte ich nichts von meinem Kontakt mit den Kindern. Amfolgenden Montag war mein erster Schultag in derGarthestraße. Hier hatte ich mehr Glück, Freunde zufinden als in der Kretzerstraße. Auch freundete ich mich mitKindern aus der Kretzerstraße an, die diese Schule besuchtenund es dauerte nicht lange bis ich mit allen Kindern in unsereStraße Freundschaft schloß.

Meine Eltern und Geschwister wurden auch bald vonunserer Nachbarschaft akzeptiert. Nach ganz kurzer Zeit sprachich schon im Kölner Dialekt und meine schlechte Erfahrungmit den Kindern hatte ich auch schon längstvergessen.

Da mein Vater seine Eisenbahndokumente aus Danzig imKrieg verloren hatte, mußte er wieder seineEisenbahnkarriere ganz von vorne anfangen. Doch es dauerte nichtsehr lange bis er Aufsichtsbeamter und späterPersonalratsvorsteher auf dem Kölner Hauptbahnhofwurde.

Willi Lehmann, Aufsichtsbeamter am KölnerHBF

MeinVater Willy Lehmann, PersonalratKöln-HBF

1911 -1992

Eines morgens, es war Sonntag, der 15.August 1948, ungefähr um 3 Uhr 30,wurden wir durch ein lautes Klopfen an unsereHaustür aufgeweckt. Es war unsere Nachbarin, die unter unswohnte. Mit aufgeregter Stimme fragte sie uns, ob wir daraninteressiert seien, uns die 700-Jahre-Dom-Jubiläums- Prozession anzusehen. Sie meinte, um einen guten Platz zubekommen, müßten wir schon jetzt zum Dom gehen. Dameine Eltern unsere Nachbarin nicht enttäuschen wollten,waren wir eine halbe Stunde später zu Fuß auf dem Wegzum Kölner Dom. Dort angekommen, waren schon viele Menschenversammelt, doch wir hatten Glück und fanden gleich einenguten Platz.Als die Prozession in vollem Gange war,schob sich einMann vor mir. Da ich jetzt fast nichts mehr der von Prozessionsehen konnte, schlüpfte ich unter die Absperrung, um bessersehen zu können. Doch ein Aufsichtsbeamter schickte michwieder hinter die Absperrung. Sehr entäuscht sagte ich zuihm, daß ich jetzt nichts mehr von der Prozession sehenkönne. Darauf antwortete er, "es tue ihm sehr leid, "doch erversprach mir, daß ich zum nächsten Dom- Jubiläumin der ersten Reihe stehen dürfte. Als wir wieder zu Hausewaren, fragte ich meine Mutter, wann das nächsteDom-Jubiläum ist. "In 50 Jahren" war ihre Antwort. Als7-Jähriger konnte ich es mir gar nicht vorstellen, wie langees dauert bis 50 Jahre vorüber sind. Leider konnte ich nichtbeim 750. Dom-Jubiläum dabeisein, doch verfolgte ich es mitInteresse im Internet.

Meine Kommunion 1950

1950 ging ich mit zur Kommunion in der St.Bonifatiuskirche in Köln-Nippes. Bis April 1953 besuchte ichdie Schule in der Garthestraße. Nach Vollendung derfünften Klasse wurde ich dann im Gymnasium Köln-Nippesaufgenommen. Obwohl ich mich hier sehr wohl fühlte,verließ ich das Gymnasium im April 1956 und fing mitZustimmung meiner Eltern eine Installateur-Lehre bei der Firma"Wilhelm Ludwig" am Karthäuser Wall an.

GymnasiumKöln-Nippes, Blücher Straße

Vor dem KölnerDom am 20. Januar 1957

Im Februar 1959 hatte ich einen schweren Arbeitsunfall(ich fiel 15 Meter tief von einem Baugerüst) und warfür vier Monate arbeitsunfähig. Nach Beendigung meinerLehre entschloß ich mich, das Baugewerbe zu verlassen undmir wurde eine Stellung bei der Bundespost am KölnerHauptbahnhof angeboten. Hier war ich bis April 1961beschäftigt bis ich im Mai 1961 aus Abenteuerlust nachAustralien reiste.
Zum Schluß möchte ich noch sagen, daß ich einewunderbare Zeit in Köln verlebte. Zwar wohnte ich inKöln weniger als 13 Jahre, doch wurde ich in dieser Zeit "nerichtije Kölsche Jung" und hatte sehr viele Freunde inKöln. Noch heutzutage, nach 43 Jahren, bin ich mit vielenKölner in Verbindung und habe noch sehr viel Platz fürKölle in "mingem Hetz".

Meine Eltern und Schwester, Weihnachten 1961

Abschied in Bremerhafen von meinen Eltern und
meiner Schwester Angelika, 27 Mai 1961

Kurtz vor meiner Abreise nach Australien in 1961


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Angelika & ich, Karneval1960 Meine kleineSchwester Angelika

Siegfried Lehmann


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